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  • Jasmin Edelstein

Entwicklertagebuch 4 - Sind Videospiele Kunst?

Aktualisiert: Nov 1

Die Frage ob Videospiele Kunst sind, hat mich bisher nie sonderlich interessiert, da sie für mich nicht diskussionswürdig ist. Denn meine Antwort ist immer: Ja, das können sie sein.

Jedoch bin ich der Überzeugung, das Videospiele auch ohne künstlerischen Anspruch funktionieren können, im passenden Kontext dann aber wieder zur Kunst werden.

Wieso denke ich also gerade über diese Frage nach. Lasst mich dafür etwas ausholen:

Kunst, Videospiele und eine Pandemie.



Ich bin eine Künstlerin, die klassisch analog arbeitet, dazu auch eine Designerin. Ich erstelle digitalen Content, wie Logos, male digital und habe auch die ein oder andere Webseite mitgestaltet.


Jetzt in unser aller pandemischen Situation, bin ich sehr dankbar, das ich meine Fähigkeiten nun gebündelt für die Erstellung eines Videospiels nutzen kann. Ich tue dies nicht, weil ich nun schnell eine andere Einnahmequelle benötige. Zum Verständnis: die bildenden Künstler haben gerade sehr zu kämpfen, wir können keine großen Projekte mehr planen, keine Ausstellungen, keine Atelier-Rundgänge oder Workshops. Insbesondere wir kleinen lokalen Künstler*innen haben darunter zu leiden. So viel dazu…


Ist nun das Videospiel ein Notfallplan? Eine alternative Art und Weise, meinen Kopf während dieser Zeit über Wasser zu halten? Nein, auch ohne Corona, würde ich dieses Spiel machen, die Idee dafür reifte ja auch schon vor der alles lahmlegenden Pandemie.

Und jede*r in meinem engen Kreis, freut sich über meine Fortschritte. Alleine für den Mut, jetzt alles auf eine Karte zu setzen und nur noch am eigenen Spiel zu arbeiten. Selbst von Menschen in meinen Umfeld, deren einziger Berührungspunkt mit Videospielen „Candy Crush“ ist, erhalte ich Wertschätzung und Respekt.


Unerwarteter Tiefschlag


Neulich aber hat mich eine Bekannte aus meiner „Blase“ geholt. Sie fragte, was ich so gerade machen würde. Unbedacht erzählte ich, dass ich jetzt ein Videospiel entwickle.

Auf diesen Satz erhalte ich auch häufig ein einfaches „Davon verstehe ich nichts“ als Antwort, was völlig in Ordnung ist.

Diesmal aber wurde das als eine Art Nichtigkeit beiseite gewischt, immerhin haben Videospiele ja nichts mit richtiger Kunst zu tun. Es folgte ein etwas mitleidiger Blick und die Aussage, dass es ihr Leid täte, dass es bei mir gerade nicht so liefe, ich aber bestimmt auch wieder die Gelegenheit bekommen würde eine Ausstellung zu haben. Das fand ich jetzt schon etwas unhöflich. Aber sie sprach mir auch Mut zu: ich müsste mich ja nur wieder mal so richtig anstrengen, dann würde ich schon wieder was erreichen. Autsch.

Ich bin mir sicher, wenn ich ihr erzählt hätte, dass ich an einem Filmprojekt arbeiten würde, dann wäre sie sofort davon ausgegangen, dass ich natürlich etwas mit künstlerischem Anspruch im Sinn habe. Niemand würde behaupten, dass ein Film keine Kunst sein kann. Natürlich fragte meine Bekannte nicht, welche Art von Videospiel ich mache. Ich denke mir, dass sie in Videospielen auch mehr eine Unterhaltunsmöglichkeit für Kinder sieht und zwar in allen Videospielen. Ich wünsche ihr das sie in den Genuss von Journey, Little Nightmares, That Dragon Chancer, Through the Darkest of Time... und noch vielen anderen Videospiel kommt, Games die sehr wohl künstlerische Inhalte haben und keinesfalls Kinderunterhaltung sind, ganz im Gegenteil.

Ein digitaler Abstieg



Der Schritt von der bildenden Kunst ins Game Design, war für meine Bekannte eine Art Abstieg. Sie meinte es mit Sicherheit nicht böse, doch ich fühlte mich schon etwas verletzt. Sie hat diese Meinung natürlich nicht exklusiv, auch einige Kunstexperten (z.B. Jonathan Jones) sind davon überzeugt, dass Videospiele keine Kunst sind. Aus den Begründungen kann man oft heraus lesen, dass allein die Tatsache das Videospiele der Unterhaltung dienen, für viele schon ein Ausschlusskriterium zu sein scheint. Dabei öffnen sich moderne Galerien und Museen immer mehr neuen technischen „Spielereien“, aus dem einfachen Grund, dass es eben ,mehr Menschen anzieht. Ich war erst vor kurzem in der digitalen DaVinci- Ausstellung hier im Landesmuseum Hannover und stelle die Behauptung auf, da waren einige Besucher*innen dabei, die eventuell ohne Videoshow nicht den Weg ins Museum gefunden hätten. Aber natürlich ist das was anderes… genau wie Filme, was vollkommen anderes sind.

Kontext und Medium

Kunstlaien fällt die Einordnung immer recht einfach: Gemälde sind Kunst, einfach nur weil sie Gemälde sind. Hier ist höchstens noch zu unterscheiden, ob es sich um langweilige Kunst handelt, beeindruckende Kunst oder etwas, was man nicht versteht. Aber Kunst ist es auf jeden Fall. Oder?

Ich bin der Meinung, dass ein Gemälde Kunst sein kann, aber nicht muss. Es kann auch nur Dekoration sein, eben Handwerk, Kunsthandwerk. Im künstlerisch inszenierten Kontext, dann aber wieder Kunst werden kann. Ich erinnere mich da gern an die Documenta 2012, dort gab es einen Raum voller Apfelzeichnungen. Ich, jung und arrogant wie ich war, habe mich über diese einfachen Apfelbilder aufgeregt, immerhin ist so eine Apfelzeichnung nichts anderes als eine Fingerübung, was sollte daran also Kunst sein? Nun, diese Zeichnungen stammten von Pfarrer Korbinian Aigner (1885-1966), er war ein überzeugter Nazi-Gegner und ein Apfelliebhaber. Er züchtete den Korbiniansapfel heimlich als Gefangener im Konzentrationslager, im KZ-Dachau. Mit dieser Geschichte, vermag eine einfache Abbildung eines Apfels einen doch zu bewegen.

Die Debatte um die Frage, ob Videospiele Kunst sind oder sein können, führen Menschen bereits seit Jahren. Wo ist der gravierende Unterschied? Zwischen den (allgemein) anerkannten Kunstmedien und Videospielen? Ist es die Interaktion zwischen Spieler*in? Kann man hier nicht argumentieren, dass Kunst immer Interaktion ist? Game Designer bauen ein Spiel genau so auf, wie ein Künstler seine Werke. Streng genommen ist jedes Videospiel ein Gesamtkunstwerk. Der Soundtrack abgestimmt auf die integrierte Bildästhetik, dramaturgisch durchdachte Story Lines, die den gleichen Regeln folgen müssen, wie das geschriebene Wort in der Literatur. Einem Spiel allein auf Grund des benötigten Gameplays die Berechtigung zu entziehen, Kunst sein zu können, ist schlicht und ergreifend falsch.


Ein Videospiel kann Kunst sein oder auch einfach nur ein kommerzielles Produkt oder ein Zeitvertreib, ein Denkanstoß… ein bewusstseinserweiterndes Medium.


Für mich wird unser Spiel mein künstlerischer Ausdruck sein, darum wird AC-0209 zu einem Kunstwerk und will dann auch als solches behandelt werden.



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